Füer! Füer! Füer!

 

  
 
Wir schreiben den 1. September 1727. Der alte Nachtwächter Gau in der Malchiner Straße hat sich nach dem Abendbrot noch ein Weilchen auf das betagte, lederne Sofa zu einem kleinen Nickerchen hingelegt und seine Alte gebeten, ihn rechtzeitig zu wecken, damit er um 9 Uhr seinen Wachtdienst antreten kann. Kurz vor 9 Uhr weckt ihn seine Frau, indem sie ihm beide Nasenlöcher zuhält. Da ist Vater Gau gleich wach. Er zieht sich sein warmes Wams an, weil die Nächte schon ziemlich kühl sind, holt seinen Nachtwächterspieß aus der Ecke und hängt sich sein Nachtwächterhorn um. Mutter Gau steckt ihm noch ein paar Frühbirnen in die Taschen, die er so gern isst. Nun stapft er los. Groß ist sein Bewachungsbereich nicht, denn Stavenhagen hat außer dem Markt nur drei Hauptstraßen (Malchiner Straße, Neubrandenburger Straße, Basepohler Straße) und vier Nebenstraßen (Weberstraße, Wallstraße, Poststraße, Kirchenstraße). Da dauert sein Rundgang nicht lange. Er vergisst nicht, um 10 Uhr das Horn zu blasen und dabei eintönig halbsingend zu rufen:
 
Hört, ihr Leute, lasst euch sagen,
uns're Klock hat zehn geschlagen.
Bewahrt das Feuer und das Licht,
damit kein Schaden euch gebricht.
 
So tutet und ruft er alle Stunden aus. Sinnend geht er über den Markt und hüllt sich fester in sein Wams, da sich ein ziemlich heftiger Wind erhoben hat. Er denkt noch bei sich: „Blot keen Füer!" So macht er seinen üblichen Rundgang und ist gerade von der Weberstraße eingebogen, als es zwei Uhr vom Kirchturm schlägt. Auf einmal sieht er in der Wallstraße eine große Flamme emporlodern. Er verdoppelt seine Schritte und steht bald vor der Scheune des Pastors Rümcker, die bis oben hin mit ungedroschenem Getreide angefüllt ist. Flackernd steigen bereits die Feuersäulen gen Himmel. Funken wirbeln hoch in die Luft. „Füer! Füer! Füer!" ruft er entsetzt aus und klopft gleich den Glöckner wach, damit der durch das Läuten Feueralarm gibt. Als die Glockentöne die nächtliche Stille zerreißen, fahren die Einwohner jäh aus ihrem Schlummer. „Füer! Füer!" tönt es aus jedem Hause. Die Ackerbürger kommen mit ihren Gespannen an, um auf Wagen oder Kufen in Wassertonnen oder Wasserzubern Löschwasser aus dem Färberteich zu holen, auch die Pumpen müssen Löschwasser hergeben. Die Bürger eilen mit ihren ledernen Feuerlöscheimern herbei. Bald haben sich auch die beiden Bürgermeister Joachim Voß und David Stägemann eingefunden. Aber wo soll man zuerst zu löschen anfangen! Bei dem anhaltenden Nachtwinde sind die Funken blitzschnell auf die Strohdächer der Nachbarhäuser gefallen, von denen eins nach dem andern in Flammen steht. Nichts kann die schwache Menschenhand gegen das Flammenmeer ausrichten. Alles ist ratlos und kopflos. Siehe da, auf dem Dach der alten Fachwerkkirche aus dem 13. Jahrhundert züngeln Flämmchen empor. Soll auch das Gotteshaus in Flammen aufgehen? Beherzte Männer legen lange Leitern an, steigen mit nassen Feuerpatschen hinauf und schlagen damit auf die glimmenden Stellen. Wahrlich, es gelingt ihnen, die Kirche zu retten. Das Feuer aber hat sich mit solcher Schnelligkeit ausgebreitet, dass innerhalb einer Stunde fast die ganze Stadt eingeäschert worden ist.
Nachtwächter Gau kann diesen Morgen nicht so wie sonst nach Hause gehen, da er kein Heim mehr besitzt. Verzweifelt steht er früh vor der Brandruine seines Hauses und seufzt: „So een Füer! So een Füer!" Sein einziger Trost ist, dass mit ihm viele Leidensgenossen ebenfalls obdachlos geworden sind. Was müssen die beiden Bürgermeister amtlich feststellen? Es ist eine traurige Bilanz! In der einen Septembernachtstunde ist fast die ganze Stadt ein Raub der Flammen geworden. Verschont blieben die Kirche, das Amtshaus am Markt, das Hirtenhaus und elf Wohnhäuser (meist in der Neubrandenburger Straße gelegen). Das Flammenmeer hat auch auf die Schlossgebäude übergegriffen, die von dem Stadtchronisten 1696 als stark verfallen und 1714 als äußerst baufällig bezeichnet werden. Dieser Brand hat dem Schloss den Rest gegeben. Noch 13 Jahre hat diese Ruine gestanden, bis sie durch den Neubau im Jahre 1740 verschwand.
Nachtwächter Gau hat die nächste Nacht treu und brav wieder seinen Wachtdienst angetreten. Er ist "Brandwache" zusammen mit Bürgern gewesen, die wie er in einer Nacht an den Bettelstab gebracht worden sind. War die Not der Abgebrannten groß, so war auch, das muss historisch festgestellt werden, die Hilfe groß. Von allen Seiten kamen Geld- und Sachspenden. Die Betroffenen hatten es nicht nötig, versehen mit amtlichen Ausweisen (Brandbriefen) in andern Städten und Dörfern um Geldspenden für den Wiederaufbau der Häuser betteln zu gehen. Bauholz wurde kostenlos zur Verfügung gestellt. Ausnahmsweise wurde noch einmal gestattet, die Häuser anstatt wie vorgeschrieben mit fester Bedachung wieder mit Stroh zu decken. Aus jener Zeit des Wiederaufbaus stammt noch heute so manches alte Haus.
Die Feuersbrunst des Jahres 1727, deren Entstehung niemals ergründet werden konnte, ist die größte in der Geschichte unserer Stadt gewesen.
 
Fritz Klose